Warum Earnings für Stillhalter Gold wert sind
Alle drei Monate passiert an der Börse etwas Magisches: Die Earnings Season. Unternehmen veröffentlichen ihre Quartalszahlen, und die implizite Volatilität der zugehörigen Optionen schießt in die Höhe. Für Stillhalter ist das eine der profitabelsten Zeiten des Jahres — wenn sie wissen, was sie tun.
Das Prinzip ist einfach: Vor den Quartalszahlen steigt die IV, weil niemand weiß, wie die Aktie reagieren wird. Optionen werden teurer, weil die Unsicherheit eingepreist wird. Nach der Veröffentlichung — ob die Zahlen gut oder schlecht sind — verschwindet die Unsicherheit. Die IV kollabiert. Dieser Kollaps heißt IV Crush.
Was ist IV Crush?
IV Crush ist der rapide Rückgang der impliziten Volatilität nach einem erwarteten Event, typischerweise Quartalszahlen. Stell dir einen aufgeblasenen Ballon vor: Vor den Earnings pumpt die Erwartung den Ballon auf. Nach der Veröffentlichung lässt jemand die Luft raus — egal ob die Nachricht gut oder schlecht war.
In Zahlen: Eine Aktie könnte vor Earnings eine IV von 60 Prozent haben. Am Tag danach fällt die IV auf 30 Prozent. Das bedeutet, dass Optionen über Nacht etwa die Hälfte ihres Zeitwerts verlieren — unabhängig von der Kursbewegung. Als Optionsverkäufer profitierst du genau davon.
Wie stark ist der IV Crush typischerweise?
Die Stärke des IV Crush hängt vom Unternehmen ab. Tech-Giganten wie Apple, Amazon oder Tesla haben historisch einen IV-Rückgang von 30 bis 50 Prozent nach Earnings. Stabilere Unternehmen wie Johnson & Johnson oder Procter & Gamble zeigen einen schwächeren Crush von 15 bis 25 Prozent. Je höher die IV vor Earnings, desto stärker der Crush — und desto profitabler für Stillhalter.
Die besten Strategien für Earnings-Trades
Short Strangle
Der Short Strangle ist die aggressivste Earnings-Strategie. Du verkaufst gleichzeitig einen Out-of-the-Money Put und einen Out-of-the-Money Call. Du profitierst, solange die Aktie innerhalb deiner Strikes bleibt. Das Risiko ist allerdings undefiniert — bei einer extremen Kursbewegung kannst du deutlich mehr verlieren als die eingenommene Prämie.
Diese Strategie eignet sich nur für erfahrene Trader mit einem soliden Verständnis von Delta und Vega.
Iron Condor
Der Iron Condor ist die sicherere Variante. Er funktioniert wie ein Short Strangle, aber mit definierten Flügeln, die dein Risiko begrenzen. Ideal für Earnings, weil du die hohe IV einnimmst und dein maximaler Verlust feststeht.
Beispiel: Apple steht bei 200 Dollar vor den Earnings. IV ist bei 55 Prozent. Du verkaufst den 190/185 Bull Put Spread und den 210/215 Bear Call Spread. Netto-Prämie: 2,50 Dollar (250 Dollar). Maximaler Verlust: 2,50 Dollar (250 Dollar). Nach dem Earnings-Report fällt die IV auf 28 Prozent. Selbst wenn Apple sich kaum bewegt, verlieren deine verkauften Optionen massiv an Wert — du kaufst den gesamten Iron Condor für 0,80 Dollar zurück. Gewinn: 170 Dollar oder 68 Prozent in einem Tag.
Iron Butterfly
Der Iron Butterfly ist noch aggressiver als der Iron Condor und nimmt mehr Prämie ein. Er funktioniert am besten, wenn du erwartest, dass die Aktie nach Earnings nahe am aktuellen Kurs bleibt. Die Gewinnzone ist enger, aber der mögliche Gewinn ist höher.
Credit Spread (direktional)
Wenn du eine Meinung über die Richtung hast, kannst du auch einen einseitigen Credit Spread verkaufen. Du verkaufst einen Bull Put Spread, wenn du glaubst, dass die Aktie nicht fallen wird, oder einen Bear Call Spread, wenn du einen Rückgang erwartest. Weniger Prämie als ein Iron Condor, aber einfacher zu managen.
Die Earnings-Trade-Checkliste
Vor dem Trade prüfen:
1. IV-Rank über 50: Wenn der IV-Rank (das Verhältnis der aktuellen IV zur historischen Bandbreite) über 50 liegt, sind die Optionen überdurchschnittlich teuer. Das ist die Grundvoraussetzung für einen profitablen Earnings-Trade.
2. Expected Move berechnen: Die Broker-Plattform zeigt dir den Expected Move — die erwartete Kursbewegung nach Earnings. Deine Short Strikes sollten außerhalb dieses Expected Moves liegen.
3. Historische Earnings-Reaktionen prüfen: Wie hat die Aktie in den letzten 4 bis 8 Quartalen auf Earnings reagiert? Hat sie den Expected Move regelmäßig überschritten oder lag sie meist darunter?
4. Positionsgröße begrenzen: Earnings-Trades sind Hochrisiko-Events. Riskiere maximal 1 bis 2 Prozent deines Portfolios pro Trade. Diversifiziere über verschiedene Unternehmen und Sektoren.
Timing: Wann eröffnen, wann schließen?
Eröffnen: 1 bis 3 Tage vor dem Earnings-Report. Nicht zu früh, sonst zahlst du zu viel Theta. Nicht zu spät, sonst verpasst du die höchste IV.
Schließen: Am Morgen nach dem Earnings-Report. Warte nicht auf den Verfall — der IV Crush wirkt sofort. Kaufe den Trade zurück, sobald er 50 bis 75 Prozent seines Zeitwerts verloren hat. Geduld und Disziplin sind hier besonders wichtig.
Die größten Risiken bei Earnings-Trades
Gap-Risiko: Earnings werden oft nach Börsenschluss oder vor Eröffnung veröffentlicht. Die Aktie kann mit einer großen Kurslücke (Gap) eröffnen, die weit über deinen Strike hinausgeht. Definierte Strategien wie der Iron Condor begrenzen dieses Risiko.
IV-Risiko falsch eingeschätzt: Manchmal ist die IV vor Earnings gar nicht so hoch wie üblich — dann ist der IV Crush schwächer und dein Gewinn geringer. Prüfe immer den IV-Rank und die historische Earnings-IV.
Overtrading: Die Versuchung ist groß, während der Earnings Season jeden Tag neue Trades einzugehen. Bleibe diszipliniert und handle nur die besten Setups. Qualität vor Quantität gilt hier besonders.
Fazit
Earnings-Trades sind eine der profitabelsten Nischen für Stillhalter — wenn du die Mechanik des IV Crush verstehst und diszipliniert vorgehst. Starte mit Iron Condors auf liquide Blue-Chip-Aktien, halte die Positionsgröße klein und schließe am Morgen nach den Earnings. Dokumentiere jeden Trade in deinem Trading-Journal und baue dir über die Zeit ein Gefühl dafür auf, welche Unternehmen die besten Earnings-Trades bieten.
Strategie-Pfad: Alle Optionsstrategien
Entdecke alle Strategien der Optionen-Akademie — von einfach bis fortgeschritten.
Anfänger-Strategien
Fortgeschrittene Strategien
- Credit Spread Optionen erklärt
- Iron Condor Strategie erklärt
- Iron Butterfly vs. Iron Condor
- Short Strangle erklärt
- Poor Man’s Covered Call (PMCC)
- Earnings-Trades: IV Crush nutzen
Praxis & Techniken
- Optionen rollen: Wann, wie und warum
- Strategieentwicklung: Vom Wissen zur Praxis
- Optionshandel mit kleinem Konto
Vergleiche & Fallstudien
Häufig gestellte Fragen

Geschrieben von
Daniel
Aktiver Optionshändler und Gründer der Optionen-Akademie. Daniel ist seit 1998 an der Börse aktiv und handelt seit 2020 erfolgreich mit Optionen — mit mehreren tausend Trades und bisher keinem Verlustjahr. Seine Expertise basiert auf renommierten Ausbildungen mit Zertifikat, sowohl national als auch international. Seine Mission: Menschen mit größtenteils kostenlosem Content das Wissen vermitteln, das sie brauchen, um ein finanziell freies Leben zu führen.